Fotojournalismus und seine gelernten Konventionen

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Wird der Fotojournalismus durch seine inhaltlichen Konventionen an seiner Entwicklung gehindert?

Oder leidet einfach die Wahrheit unter dem fehlenden großen Zusammenhang, der durch die Schlagwort-Berichterstattung fehlt?
„We see on our front pages only facsimiles of 90-year-old Leica versions of photos.“ schreibt Donald Weber von VII in seinem  Aufsatz über den Fotojournalismus heute. Er beklagt, dass nach dem großen technologischen Schritt mit der Leica vor 90 Jahren und wie Cartier-Bresson deren Möglichkeiten so weit ausreizte, dass gestalterisch seit dem nicht wirklich etwas Neues hinzugekommen sei. Aber noch viel mehr sieht er, dass Photographen nicht mehr als Geschichtenerzähler wahrgenommen werden, sondern nur noch als Auftragnehmer, die den Redaktionen die Bilder liefern sollen, welche lediglich zur Illustration der Geschichten benötigt werden. Dass die Wahrhaftigkeit darunter leidet ist evident. Denn wenn einem gar kein Raum mehr gegeben wird, den Kontext fotografisch darzustellen, liefern die Bilder nur winzige Ausschnitte des Geschehens, von dem sich der Leser eigentlich ein ganzes Bild machen möchte. Nicht umsonst gibt es diese Redensart.

Tatsächlich habe ich in seinem Stück vieles über den EuroMaidan erfahren, was ich zwar ahnte, aber nie dokumentiert gesehen habe. Wer weiß schon, dass sich unter dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew (Maidan Nezalezhnosti) eine Shopping-Mall befindet, in der man währen der Proteste ungehindert Markenklamotten einkaufen konnte?

FotojournalismusStichwort Klamotten

Weber schreibt auch ein paar Sätze über die Outfits der Demonstranten. Das hat mich sehr gefreut, denn wirklich thematisiert habe ich das noch nirgends gesehen. Aber es beschäftigt mich als Fotograf natürlich, wie Menschen aussehen, wie sie sich zurecht machen. Und man kleidet sich ja irgendwie immer passend zur gewählten Rolle, so auch der Demonstrant, der unter Umständen in Gewalttätigkeiten verwickelt wird, aber noch viel wahrscheinlicher vor der Linse einer Kamera zurecht kommt. Und so wählt er den revolutionären Look, gemixt aus seinen Bildern von Revolutionen im Bildgedächtnis. Von 1917 in Russland über die englischen Arbeiterproteste bis zur Arabellion.

Und so trägt er als Fotograf dazu bei, den Look zukünftiger Demonstranten zu prägen, um dann wieder diese zu fotografieren…

Gilles Peress als Referenz

Als Beispiel für gutes fotografisches Storytelling führt er eines meiner Lieblingsbücher an: Telex Iran (1979) von Gilles Peress. Es ist natürlich nur eines von vielen guten fotojournalistischen Werken, die nach  den Meilensteinen von HCB veröffentlich wurden. Aber es zeigt brilliant, wie man eine Geschichte mit persönlichem Standpunkt objektiv durcherzählt. Auch, weil er seine Geschichte nicht unbedingt an den Bedürfnissen der Redaktionen ausgerichtet hat, sondern seine Botschaft konsequent erzählt hat.

Die Botschaft an uns Fotografen lautet zu Recht, sich weniger als Erfüllungsgehilfe zu sehen. Es gibt heutzutage noch genug Möglichkeiten, eine gute Geschichte zu publizieren. Aber sie muss in Aussage und Zusammenhang stimmig sein…

 

Hier geht es zu seinem Beitrag auf medium.comhttps://medium.com/vantage/the-rules-of-photojournalism-are-keeping-us-from-the-truth-52c093bb0436

©Fotos mit freundlicher Genehmigung von Donald Weber

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